Eisberg im Wasser, Text: Glaube nicht alles, was Du denkst.

Der Schatz der inneren Wahrheit

Wie stehst Du zur Wahrheit? Sind Lügen für Dich ok? Oder vielleicht mal eine kleine Notlüge? Manche Menschen möchten die Wahrheit gar nicht wissen, weil sie Angst davor haben oder glauben, dass es wehtut, die Wahrheit zu wissen. Was hat dieses Thema mit unseren inneren Prozessen zu tun und wie wirkt es sich auf unser Glück und unsere Zufriedenheit aus? Ist es möglich, sich selbst zu belügen? Ich denke, das sind wichtige Gedanken, die es wert sind, darüber einmal – oder besser öfter – nachzudenken.

Ich denke, im Allgemeinen mögen wir es nicht, belogen oder betrogen zu werden. Wenn wir wissen, dass ein Mensch uns belügt oder betrügt, halten wir Abstand, nehmen ihn nicht mehr ernst oder brechen den Kontakt ganz ab. Warum? Weil wir verstehen, dass es nicht gut für uns ist, uns schadet, auf den falschen Weg führt oder einfach nicht unseren Werten der Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit entspricht.

Wie steht es aber um unsere eigene Wahrheit? Selbst wenn wir andere grundsätzlich nicht belügen wollen – sind wir selbst immer ehrlich, aufrichtig und authentisch? Können wir uns selbst belügen? Vielleicht lohnt sich hier ein (zweiter) Blick.

Eine innere Täuschung

Wie ehrlich sind wir zu uns selbst? Als Kind habe ich mich oft gefragt, ob man sich wohl selbst belügen kann und musste irgendwann erschrocken feststellen: Ja, das geht. Trauma ist auf eine Art vielleicht ein krasses Beispiel dafür – wir können nichts dafür, aber wenn etwas sehr schlimmes passiert, kann es sein, dass es in unserem Bewusstsein einfach verdrängt oder falsch abgespeichert wird. Es ist eine Art Schutz, weil es in dem Moment vielleicht zu schmerzhaft oder zu überwältigend erscheint, um sich dem zu stellen. Es gibt aber auch tagtäglich Gedanken, die wir denken und die unser Leben beeinflussen, die aber überhaupt nicht der Wahrheit entsprechen. Ein Beispiel dafür sind Glaubenssätze oder falsche Annahmen. Sie sind nicht wirklich wahr, wir verallgemeinern oder übertreiben einen Eindruck oder eine Erfahrung, die wir machen. Z.B.: “Niemand mag mich” – so ein Gedanke kann sehr subtil sein. Wir generalisieren hier unsere Wahrnehmung von einer oder mehreren Personen. Ja es stimmt, manche Menschen mögen uns vielleicht nicht, das kann sein, den meisten sind wir aber einfach egal und dann gibt es auch welche, die uns mögen. Zu denken, dass uns niemand mag, wäre daher falsch, führt aber zu Handlungen, die auf dieser falschen Annahme beruhen und dadurch weitere Probleme kreieren. Unsere Glaubenssätze oder grundlegenden Gedanken genauer anzuschauen und zu hinterfragen ist daher eine gute Idee. 

Solche inneren Unwahrheiten können unser ganzes Leben lang unbemerkt in unseren Gedanken verweilen, uns so Tag für Tag täuschen, uns entsprechend falsche Handlungen ausführen lassen und zu kleinen und großen Problemen führen. Sie haben also eine große Wirkung. Und sie wirken nicht nur für uns, wir beeinflussen damit natürlich auch andere – je nach Ausprägung mehr oder weniger.

Das klingt etwas übertrieben? Dann möchte ich es noch deutlicher formulieren: Jede einzelne kleinere oder größere Unannehmlichkeit und jedes Problem, während eines jeden Tages entsteht, durch die unwahren oder falschen Gedanken, die wir in uns tragen, also Gedanken, die einer Prüfung, ob sie wirklich wahr sind, nicht standhalten würden. Wenn wir sie genauer untersuchen, stimmen sie nicht mit der Realität überein. Ich weiß, das ist komplett entgegengesetzt unserer normalen Denkweise, deshalb müssen wir es etwas tiefer untersuchen.

Warum ist es wichtig, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen?

Oder anders gesagt: Was genau hat die Wahrheit oder Unwahrheit mit unserem Glück oder Leiden zu tun?

Wenn wir innerlich nicht ehrlich sind, also z.B. glauben nicht gut genug zu sein und dann beispielsweise versuchen ganz viel zu leisten, oder versuchen es anderen ständig Recht zu machen, um Anerkennung zu bekommen, führt das innerlich zu Anspannung, Unausgewogenheit, Stress und Unzufriedenheit und kann – wenn es sehr massiv wird – bis hin zu Erschöpfung und Depressionen führen. Erkennen wir diesen Gedanken aber und hinterfragen ihn, können wir zu einer neuen Erkenntnis kommen und ihn auflösen. Vielleicht stellen wir fest, dass wir nur unseren eigenen unrealistischen Ansprüchen hinterherlaufen oder dass es tatsächlich eine Person gibt, die von uns mehr erwartet und merken, dass wir ihre Erwartungen nicht erfüllen müssen. Vielleicht formulieren wir den Gedanken dabei auch um, zu einem „Ich bin nicht perfekt, das muss ich aber auch nicht sein.” Oder: “Es ist ok nicht perfekt zu sein, es ist sogar utopisch, von mir zu erwarten, immer perfekt zu sein.” Oder: „Wie gut, dass ich nicht perfekt bin und Fehler mache, so kann ich noch viel lernen.” Es gibt hier natürlich zahlreiche Möglichkeiten.

Anderes Beispiel: Vielleicht haben wir eine Person, die wir oder an der wir etwas nicht mögen. Mit der Zeit kann unsere Abneigung so stark werden, dass wir schon unruhig oder gar wütend werden, wenn wir nur an sie denken. Das alles geschieht aber nur, weil wir die Person auf ihre vermeintlichen Fehler reduziert haben und ihren guten Eigenschaften keine Aufmerksamkeit mehr schenken, diese also nicht wahrnehmen. Das ist jedoch kein wahres Bild, wir haben mit unseren Gedanken ein unrealistisches Bild dieser Person kreiert und handeln entsprechend diesem Bild. D.h., wir finden sie unangenehm, meiden sie vielleicht oder umgehen sie und werden vielleicht schon bei Kleinigkeiten leicht wütend.

Wenn wir solche fehlerhaften Gedanken oder Annahmen erkennen und sie auflösen, ist es sehr befreiend, irgendwie so, als ob wir einen inneren Dieb ertappen. Innerlich nicht die Wahrheit wahrhaben zu wollen, engt uns ein und führt früher oder später zu inneren Schmerzen und dann auch zu äußeren Problemen. Der Wahrheit ins Gesicht zu schauen ist Heilung und öffnet den Weg zu innerem Frieden und Wohlbefinden.

Sehr wichtig finde ich noch zu verstehen: die Wahrheit zu wissen oder ihr wirklich ins Gesicht zu schauen, tut nicht weh! Am Anfang mag es manchmal etwas erschreckend sein und vielleicht auch schmerzhaft, weil wir bis dahin daran festgehalten haben, dass es anders ist oder sein soll. Aber in dem Moment, indem wir sie wirklich anschauen und akzeptieren, löst es innerlich etwas auf und eröffnet die Tür für neue – bessere – Wege.

Aber am besten findest Du es selbst heraus.

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