Eine ausgestreckte Hand streift über Kornfeld der untergehenden Sonne entgegen, Teil 2 von 2, Text: Wie fühlst Du?

Die Sache mit den Gefühlen (Teil 2/2)

Aber irgendwie muss es auch einen Weg geben, Gefühle zu beeinflussen und zu verändern. Wo kommen sie eigentlich her? Was sind ihre Ursachen? Ich persönlich war nie wirklich zufrieden damit, Gefühle, und auch Gedanken, als das Produkt biodynamischer Prozesse des Körpers zu sehen, auf die wir keinen Einfluss haben. Es war und ist für mich auch nicht meine Erfahrung oder Realität. Aber wie genau funktioniert das mit den Gefühlen?

Wie durch Gedanken Gefühle entstehen

Es gibt natürlich mehrere Ebenen, dieses Thema zu betrachten und zu verstehen. Aber eine Ursache für unsere Gefühle, die sehr einfach zu verstehen ist und durch die wir einen riesigen Einflussbereich auf unsere Gefühle haben, sind unsere eigenen Gedanken. Was wir denken, formt unsere Welt – nicht umgekehrt. Wie könnten wir das verstehen?

Wenn wir etwas Wahrnehmen, dann denken wir dazu etwas. Zum einen auf einer “sachlichen” Ebene, in der wir bloß denken, das ist ein Stuhl, ein Tisch, eine Tasse mit warmem Kaffee usw.. Aber nahezu gleichzeitig stellen wir es in Bezug zu uns selbst und bewerten sozusagen, was diese Dinge für uns bedeuten. Ein Kaffee an sich ist weder gut noch schlecht, weder angenehm noch unangenehm, viel oder wenig, warm oder kalt… Vielleicht freuen wir uns über Kaffee oder wir mögen ihn überhaupt nicht oder er ist uns einfach egal – das kann für jeden anders sein. Vielleicht liegt unsere Aufmerksamkeit auch mehr auf der Tasse, weil sie besonders schön oder zu klein ist oder sie ist völlig uninteressant für uns. Wir bewerten also sozusagen, wie uns die Dinge, Situationen und Personen gefallen oder wie nützlich sie für uns sind oder ob sie uns vielleicht eher stören. Und jeder bewertet es für sich anders – die gleiche Person kann für den einen toll, für den nächsten unangenehm sein. Wenn die Eigenschaften der Dinge und Personen in den Dingen und Personen selbst wären, und nichts mit unseren Gedanken zu tun hätten, dann müssten sie für jeden gleich erscheinen – das ist aber offensichtlich nicht der Fall.

Unsere Gefühle entstehen nahezu gleichzeitig mit unserer Wahrnehmung von uns, von anderen und der Welt um uns. Aber die Gefühle sind vielmehr eine Antwort auf das, was wir wahrnehmen. Weil die Eigenschaften von allem – Dingen, Menschen, Tieren und auch von uns selbst – von unseren eigenen Gedanken dazu abhängen, hängen unsere Gefühle auch von unseren Gedanken ab und nicht von den Dingen selbst.

Normalerweise nehmen wir das nicht als Prozess wahr und erkennen die Abhängigkeiten nicht, weil es einfach so schnell geht. Und doch können wir eine Erfahrung davon gewinnen.

Diesen Prozess kennen wir alle:

Freuen wir uns über etwas, werden auch angenehme Gefühle entstehen und wir beginnen mehr davon haben zu wollen. Je weniger etwas mit unseren Wünschen und Vorstellungen übereinstimmt, oder anders gesagt, je mehr etwas sein sollte, wie wir es haben wollen und es dem dann nicht entspricht, desto mehr sind wir im Widerstand mit etwas und erfahren entsprechend unangenehme Gefühle und entwickeln z.B. Wut oder Neid usw.. Ist uns die Sache egal, sind auch unsere Gefühle eher unaufgeregt.

Hier ein Beispiel:

Stell Dir vor, Du hörst Musik, die Du sehr magst, die Dich vielleicht sogar innerlich berührt oder bewegt.
Was fühlst Du?
Und wie reagierst Du darauf?
Möchtest Du den Song gerne weiter anhören?

Und jetzt stell Dir vor, Du hörst Musik, die Du ganz schrecklich findest und kaum aushältst.
Was fühlst Du jetzt?
Wie reagierst Du jetzt?
Möchtest Du mehr von der Musik oder hast Du den Wunsch, dass es aufhört?

Das waren jetzt alles nur Gedanken, aber trotzdem haben wir wahrscheinlich gerade zumindest den Hauch einer Erfahrung von angenehmen und unangenehmen Gefühlen gemacht. Alleine das zeigt schon die Kraft unserer Gedanken. Und vielleicht erinnerst Du Dich auch an ähnliche, reale Situationen in Deinem Leben. Dieser Prozess findet den ganzen Tag statt. Alles nehmen wir auf diese Weise wahr. Etwas, das für uns angenehm ist, kann für eine andere Person unangenehm sein – abhängig von unserer Sicht, also unseren Gedanken dazu.

Unsere Gefühle zu verändern bedeutet unsere Gedanken zu verändern

Hatten oder haben wir also eine sehr unangenehme Situation, ist es höchst interessant zu erforschen, was wir genau dabei denken oder gedacht haben – vor allem das, was hinter den offensichtlichen Gedanken steckt. Das klingt vielleicht nach einer anstrengenden Aufgabe, aber sobald wir merken, dass wir dadurch tatsächlich unsere Lebensqualität enorm beeinflussen und verbessern können, wird es ein äußerst spannender Prozess. Denn bisher haben wir zwar versucht, unsere Gefühle zu beeinflussen – es ist uns ein großes Anliegen, wir verwenden viel Energie dafür – aber bisher waren wir dabei nicht ganz so erfolgreich, weil wir im Allgemeinen die starke Tendenz haben, eher äußerlich etwas zu verändern.

Positive, freudvolle Gedanken führen zu einer schönen Erfahrung. Also ist es am besten immer nur positiv zu denken? Jain! Ja, das wird unser Leben definitiv freudvoll machen. Aber: Es geht dabei nicht darum, unsere Gedanken einfach nur irgendwie positiv zu machen oder gar uns etwas einzureden. Das wird wahrscheinlich nicht funktionieren – nur echte Einsichten in unserem Herzen verändern nachhaltig etwas. Der Punkt ist daher vielmehr der, zu erkennen, dass Gedanken, die zu einer unangenehmen Erfahrung führen, tatsächlich keine korrekten Gedanken sind – sie sind einfach nicht wahr, irgendetwas daran entspricht nicht der Wirklichkeit. Viele unangenehme Gefühle entstehen z.B. dadurch, dass wir etwas wahrnehmen (in Abhängigkeit von unseren Gedanken dazu), es aber anders haben wollen. Sobald wir die Realität jedoch so akzeptieren, wie sie ist, werden unangenehme Gefühle nicht entstehen. 

Stellen wir z.B. fest, dass wir in einer stressigen Situation gedacht haben, dass wir alles unbedingt so hinbekommen müssen, wie wir es uns vorgenommen haben oder wie es andere von uns erwarten, dann steckt genau hier ein “Fehler im System”: wir können die äußere Welt nicht kontrollieren. Etwas unbedingt in einer bestimmten Weise haben zu wollen und dann innerlich daran zu klammern, dass es anders sein soll, oder den Erwartungen anderer entsprechen zu wollen, ist nichts, was in unserer Macht steht, wir haben einfach keinen Einfluss darauf. So zu denken entspricht nicht der Wirklichkeit und wird daher früher oder später unangenehme Gefühle und Erfahrungen hervorrufen.

Lass es uns ausprobieren

Das ganze lässt sich natürlich nicht von heute auf morgen lernen und verändern. Das ist eine längerfristige – spannende und freudvolle – innere Reise. Probiere es einfach mal aus:

Erinnere Dich an eine Dir unangenehme oder schmerzhafte Situation und versuche Dich nochmal dort hineinzuversetzen. Halte dabei gleichzeitig einen gewissen Abstand, so dass es Dich emotional nicht überwältigt. Dann versuche zu beobachten, was genau Du dabei gedacht hast, wie Du die Situation für Dich bewertet hast und woraus diese Gedanken vielleicht motiviert waren. Spüre, was Du vielleicht unbedingt wolltest, was hätte anders sein sollen, was mochtest Du vielleicht nicht? Und spüre, was Du dabei fühlst. Wenn Du es gut untersucht hast, wie fühlt es sich an, wenn Du den Widerstand aufgibst, und zulässt, dass es ist wie es ist, wenn Du akzeptierst, dass Dein Wunsch gerade vorübergehend nicht erfüllt wird?

Das ist nur eine Möglichkeit unter vielen. Hier kannst Du spielerisch und neugierig sein, denn hier können viele neue, wohltuende Erkenntnisse entstehen. Aber es ist wichtig, dabei entspannt zu bleiben – es darf wirklich ein freudvoller Prozess sein. Wenn es bei Dir hakt oder sich schwierig anfühlt, ist es vielleicht hilfreich, Dich z.B. in einem Coaching-Prozess oder auch in freundschaftlichen Gesprächen dabei begleiten zu lassen. Hier tiefere Erkenntnisse zu gewinnen ist ein echter Gamechanger.

Hab viel Freude in Deinem Prozess des Lernens. ❤️

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