Eine ausgestreckte Hand streift über Kornfeld der untergehenden Sonne entgegen, Teil 1 von 2, Text: Was fühlst Du?

Die Sache mit den Gefühlen (Teil 1/2)

Gefühle – ein ständiger Begleiter. Gibt es einen Moment, in dem wir nicht fühlen? Den ganzen Tag erfahren wir Gefühle von morgens bis abends, manchmal angenehm, manchmal unangenehm und manchmal irgendwas dazwischen. Sie sind den ganzen Tag da. Sind sie angenehm, dann wollen wir mehr davon, sind sie unangenehm, dann schieben wir sie weg, wehren uns dagegen und wollen sie nicht. Aber wo kommen Gefühle eigentlich her? Wie entstehen sie? Was sind ihre Ursachen? Was machen sie mit uns? Wie kann man sie verändern? Sie sind ein stiller Antreiber unseres Lebens, wir tun so viel für sie und doch wissen wir so wenig über sie.

Als Kind habe ich mich meinen Gefühlen immer völlig ausgeliefert gefühlt. Ich habe mich immer gefragt, wann erklären sie mir endlich das mit den Gefühlen? Wann sagen sie mir, wie man sie in den Griff bekommt? Es war irgendwie offensichtlich, dass man wissen muss, wie dieser Prozess funktioniert – ja, dass es sogar eines der wichtigsten Dinge im Leben ist, die man wissen muss, wenn man glücklich sein möchte. Aber es hat nie jemand darüber gesprochen. Ich musste irgendwann schlussfolgern, dass es niemand weiß oder zumindest nicht die Menschen, die ich bis dahin getroffen habe und dass es mir niemand sagen wird. Es ist so essentiell – wenn sie es wüssten, würden sie es doch mit anderen teilen. Ich musste also selbst suchen und forschen und bin an unterschiedlichen Stellen fündig geworden: natürlich in meiner eigenen Innenwelt und in Gesprächen mit anderen, aber auch in unterschiedlichsten Büchern, Seminaren und nicht zuletzt in der buddhistischen Psychologie. Aber am besten ist die Entdeckungsreise in uns selbst.

Zwei zentrale Fragen drängen sich hier förmlich auf:

1. Was ist eine gute Reaktion auf Gefühle oder ein hilfreicher Umgang damit?

2. Wie können wir Gefühle wirklich beeinflussen oder verändern?

In diesem Beitrag beschäftigen wir uns erstmal genauer mit der Antwort auf die erste Frage.

Was wollen wir eigentlich?

Wenn man es genau nimmt, könnte man fast sagen, Gefühle steuern unseren gesamten Tag. Alles was wir tun, tun wir letztendlich, weil wir glücklich sein wollen, und wir sind glücklich, wenn wir angenehme Gefühle erfahren. Wir sind den ganzen Tag irgendwie damit beschäftigt, etwas Angenehmes zu erfahren und Unangenehmes zu vermeiden. Oder nicht? Warum stehen wir morgens auf? Vielleicht denken wir, weil wir zur Arbeit müssen. Aber wir könnten uns auch anders entscheiden. Warum gehen wir zur Arbeit? Vielleicht weil wir das Geld brauchen. Wozu brauchen wir Geld? Damit wir etwas zu essen kaufen können und ein Dach über dem Kopf haben und um uns all die Dinge zu kaufen, von denen wir denken, dass sie uns glücklich machen. Warum essen wir? Damit wir nicht hungern und unser Körper gesund bleiben kann. Warum wollen wir gesund sein? Weil wir sonst leiden, also Unangenehmes erfahren? Was immer wir tun, wenn wir ehrlich sind, steht ganz am Ende der Kette immer der Wunsch, dass es uns gut geht oder anders gesagt, dass wir Schönes oder Angenehmes erfahren und Unangenehmes vermeiden. Darüber muss man vielleicht erstmal nachdenken. Aber das ist einer der Hauptgründe, weshalb wir oft sehr sensibel auf das reagieren, was wir fühlen. 

Vielleicht kann man noch zwei weitere wesentliche Gefühle unterscheiden: körperliche und mentale oder geistige Gefühle. Natürlich sollten wir immer achtsam sein, ob Gefühle oder Schmerzen eine ernste Ursache haben und sofort handeln oder ärztliche Hilfe suchen, wenn es etwas Ernstes ist. Aber hier schauen wir uns den Umgang mit alltäglichen, angenehmen und unangenehmen Gefühlen an, die völlig normal sind und keine sofortige (Be-)Handlung erfordern und ich möchte hier den Schwerpunkt auf die geistigen Gefühle legen, denn ich würde sagen, sie machen im Allgemeinen den größeren Teil unseres Lebens aus. Und auch bei körperlichen Gefühlen spielen geistige Gefühle meist eine große Rolle.

Wie reagieren wir auf unsere Gefühle?

Angenehme und unangenehme Gefühle entstehen den ganzen Tag – ob wir wollen oder nicht – irgendetwas fühlen wir immer, auch wenn es nicht immer sehr intensiv ist, sondern oft einfach ein unaufgeregtes Gefühl ist, dem wir keine große Aufmerksamkeit schenken. Es ist uns vielleicht oft nicht bewusst, aber wir sind im Allgemeinen sehr sensibel in Bezug auf unsere Gefühle und reagieren sehr darauf, insbesondere bei sehr starken oder intensiven Gefühlen. Unsere normale Reaktion ist, schöne Gefühle zu verlängern oder zu vergrößern, indem wir z.B. mehr essen, uns in die pralle Sonne legen oder Alkohol trinken usw. aber auch durch kleine alltägliche Dinge wie ein Toast oder Kaffee am Morgen oder was auch immer wir mögen. Wann essen wir beispielsweise mehr, als wir brauchen? Wenn das Essen besonders gut schmeckt und wir daher ein besonders angenehmes Gefühl erfahren, neigen wir dazu, mehr zu essen, als uns gut tut. Oder wir essen regelmäßig Süßigkeiten oder Chips etc, was uns auf Dauer dann eher unglücklich oder krank macht und uns somit schadet. Was ist es, bei dem DU schöne Gefühle erfährst und mehr willst? Und was macht es langfristig mit Dir? Das sind wichtige Fragen, um erstmal ein Gefühl dafür zu bekommen, dass wir vielleicht doch viel mehr von unseren Gefühlen geleitet werden, als uns bisher bewusst war.

Mit schmerzhaften Gefühlen verhält es sich ähnlich, nur in entgegengesetzter Weise. Wenn es sich innerlich unangenehm anfühlt, sind wir sofort alarmiert oder im inneren Widerstand und wollen diese Gefühle nicht. Wenn uns z.B. jemand etwas Unangenehmes sagt oder etwas tut, was wir nicht mögen, können leicht innere Schmerzen entstehen. Wir reagieren dann, indem wir die Person und ihr Verhalten ablehnen, versuchen sie zu verändern, sagen ihr vielleicht, was sie falsch macht und werden nicht selten wütend. Dadurch entstehen dann Streit und Konflikte. Wenn wir mit unseren Reaktionen sehr vertraut sind, passiert das alles sehr schnell in einem einzigen Moment, so dass es im Alltag nicht so einfach zu beobachten ist. Nimm Dir etwas Zeit, um den Prozess innerlich etwas nachvollziehen zu können und zu schauen, wie es bei Dir ist.

Wie finden wir einen guten Umgang mit unseren Gefühlen?

Die Frage in beiden Fällen – sowohl bei schönen als auch bei unangenehmen Gefühlen – ist: ist unsere Reaktion eine gute Reaktion oder ein guter Umgang mit unseren Gefühlen? Erreichen wir damit unser Ziel, mehr Angenehmes und weniger Schmerzhaftes zu erfahren? Wir müssen es für uns selbst wirklich in uns anschauen und überdenken. Wenn es funktionieren würde, müssten wir im Laufe unseres Lebens eigentlich immer mehr angenehme Gefühle und immer weniger geistige Schmerzen erfahren. Trifft es für Dich zu?

Falls nicht, wäre es einen Versuch wert, unsere Reaktion zu überdenken und vielleicht zu verändern. Unsere Gefühle entstehen einfach. Und in dem Moment, in dem sie entstehen, haben wir nicht viele Möglichkeiten, sie zu verändern, wenn sie da sind, sind sie da. Wir haben sie nicht eingeladen oder bewusst erzeugt. Sie entstehen quasi automatisch als Produkt innerer Prozesse, die wir momentan vielleicht noch nicht ganz durchschauen und in dem Moment, in dem die Gefühle entstehen, auch nicht wirklich beeinflussen können. Äußere Dinge zu vermehren oder wegzuschieben funktioniert nicht wirklich, weil sie nicht die eigentliche Ursache sind, die unsere Gefühle entstehen lassen.

Was wäre also eine hilfreichere Reaktion? Die Antwort ist so simpel und schwierig zugleich: Nicht reagieren oder Gelassenheit. Wir müssen nicht auf unsere Gefühle reagieren (wie gesagt, hier geht es nur um alltägliche innere Gefühle, wenn eine ernste Gesundheitsgefahr besteht, suche bitte sofort ärztliche Hilfe!). Wir haben gesehen, dass wir unsere Gefühle nicht mit äußeren Dingen vermehren oder vermindern können, zumindest nicht so, dass es den gewünschten Effekt bringt. Es macht uns nicht wirklich glücklicher und es verhindert auch nicht unsere unglücklichen Gefühle. Also warum müssen wir unbedingt etwas tun, wenn intensive Gefühle auftreten? Entspann Dich, schau sie Dir an, beobachte sie, lass sie entstehen und vergehen. Wenn sie angenehm sind, genieße sie, ohne sie länger oder intensiver haben zu wollen. Wenn sie unangenehm sind, lass sie da sein, sowas passiert. Wenn wir nichts tun, erscheinen und vergehen sie von selbst. Vielleicht nicht innerhalb von Sekunden, aber wenn wir unangenehme Gefühle akzeptieren können, werden sie sich früher oder später von ganz alleine wieder auflösen. Sie werden nur schmerzhafter, wenn wir uns dagegen wehren. Das heißt nicht, dass wir gar nichts tun sollten, wir können äußerlich immer noch reagieren: verlasse den Raum, nimm eine Kopfschmerztablette, lass Dein Laptop reparieren oder was immer äußerlich gerade ansteht. Aber innerlich können wir diese unangenehmen Gefühle tatsächlich vorübergehend akzeptieren, sie können uns eigentlich gar nichts tun, es ist nur ein vorübergehendes, unangenehmes Gefühl, mehr nicht.

Lass es uns ausprobieren

Das muss man wirklich einfach mal ausprobieren. Das lässt sich in Gedanken üben, indem wir uns eine angenehme oder unangenehme Situation vorstellen. Wir nehmen wahr, was wir fühlen und erkennen, wie wir normalerweise reagieren würden und was es mit uns macht, vor allem auch langfristig. Und dann stellen wir uns die Situation noch einmal vor, fühlen sie und entschließen uns nicht zu reagieren, um damit das Fühlen zu verändern. Sondern wir nehmen einfach nur wahr, akzeptieren, bleiben entspannt und gelassen. Wie fühlt sich das an? Macht es Dich ruhiger? Und was hast Du langfristig davon? Probiere es dann auch in Deinem Alltag aus. Entschließe Dich, mal nicht auf Deine Gefühle zu reagieren. Bleib entspannt, lass sie entstehen und vergehen. Wenn wir darin geübt sind, wird es dazu führen, dass wir uns innerlich mehr entspannen, mehr inneren Raum haben, und dann auch im Außen eine konstruktive Handlung hervorbringen können, die für alle nützlich sein kann. 

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