Wer oder was ist eigentlich normal?

Bist Du normal oder weichst Du von der “Norm” ab? Bist Du so, wie Du sein solltest oder wie Du es von Dir erwartest? Bist Du passend für diese Gesellschaft, für diese Welt? Vor allem für Feinfühlige sind diese Fragen gerne ein Thema – da sie oft das Gefühl haben oder gezeigt bekommen, dass an ihnen etwas nicht normal ist, nicht so ist, wie es sein soll und so haben sie das Gefühl “anders” zu sein. Aber ich denke, es sind Fragen, die nicht nur Hochsensible, Hochbegabte usw. für sich stellen, denn wer ist denn eigentlich normal? Wer definiert „normal“? Und haben wir bisher konstruktive Antworten gefunden, nach denen wir immer leben können?

Wer sagt uns, was “normal” ist?

In unserer Gesellschaft oder wenn wir aufwachsen, kann man immer wieder an den Punkt kommen, wo man glaubt, dass es eine Art “Ideal” gibt, eine Persönlichkeit, wie jeder sein oder die jeder anstreben sollte, die die “Norm” ist – stark, selbstbewusst, extrovertiert, immer gut drauf, immer die richtige Antwort parat haben, sich von anderen nicht beeindrucken lassen, vor nichts zurückschrecken, … . Solche Dinge vielleicht. Wahrscheinlich hat auch jeder eine etwas andere Vorstellung davon, was allgemein als “normal” gilt – was auch schon deutlich macht, dass es kein allgemein gültiges “normal” gibt.

Aber wo kommt dieses Bild eigentlich her? Ist es einfach unser allgemeiner Eindruck, den wir aus unseren Erfahrungen mitnehmen, wenn andere uns zu verstehen geben, wo wir bitteschön anders sein sollten und wenn wir sehen, was “die meisten” Menschen bewundern und für gut befinden? Entnehmen wir diesen Eindruck der Meinung anderer, der Zeitung, der Werbung oder dem Fernsehen und Filmen? Oder gibt es irgendwo eine Vorschrift, die “normal” definiert? Ich finde schon allein diese möglichen Entstehungswege interessant, denn wenn man genauer darüber nachdenkt, ist das alles sehr vage und hat nichts mit Logik oder korrektem Denken zu tun. Ganz im Gegenteil, wenn wir genauer darüber nachdenken, ist sehr schnell sehr klar, dass es in Wirklichkeit kein “normal” gibt und dass es vor allem auch gar keinen Sinn macht und völlig falsch ist, ein Idealbild oder ein “normal” festzulegen. Jeder ist anders, jeder ist individuell, es gibt keine zwei Menschen, die gleich sind. Und ohne diese Vielfalt wäre unsere Welt nicht nur sehr langweilig, sie würde wahrscheinlich auch nicht funktionieren. Stell Dir vor, jeder wäre genau gleich. Wir würden alle gleich aussehen, die gleichen Interessen haben… – wir wären alle total normal mittelmäßig oder total normal perfekt. Unvorstellbar. Unsere Welt kann nicht anders sein, als dass jeder vollkommen anders ist: groß, klein, hell, dunkel, jung, alt, dick, dünn, langsam, schnell, … . All dies sind keine guten oder schlechten Eigenschaften von irgendjemandem, es sind einfach Merkmale, die uns unterscheiden, aber wer könnte wohl sinnvoll entscheiden, was davon gut – also normal – ist und was anders sein sollte. Letztendlich sind es wir selbst ganz allein, die diese Unterscheidung treffen. Wir selbst teilen die Welt – also vor allem auch uns und andere Menschen – in gut, schlecht, richtig und falsch ein und leben es dann. 

Was bedeutet das für uns selbst?

Für uns selbst bedeutet das, zum einen, dass wir selbst weder “nicht gut genug”, noch zu laut, zu leise, zu ruhig, zu aufgedreht, zu schnell, zu langsam, zu chaotisch, zu genau, zu irgendwas sind oder irgendwie anders sein müssen. Denn es gibt kein Idealbild, das wir sein sollten, außer dem Bild, was wir uns selbst machen. Das heißt natürlich nicht, dass wir uns nicht weiterentwickeln sollten. Innere Entwicklung ist wichtig, aber nicht weil wir einem Bild entsprechen müssen, um „richtig“ zu sein, sondern weil wir nicht das Leben leben können, was wir aus der Tiefe unseres Herzens leben möchten und somit nie wirklich glücklich sein können. Jedoch brauchen wir keinen inneren Kritiker, der uns schlecht macht und einem Bild hinterherlaufen lässt, das wir selbst erfunden haben und uns nicht dahin führt, wo wir eigentlich hinwollen. Sondern wir brauchen eine konstruktive, realistische und weise innere Kraft, die uns hilft, uns innerlich weiterzuentwickeln, das zu sein, was wir wirklich sein wollen.

Zum anderen bedeutet es ebenfalls, dass wir aufhören können, von anderen zu erwarten, dass sie etwas sein sollten, was sie nicht sind, weil sie dem „Idealbild“ nicht entsprechen, das wir selbst gewählt haben. Es ist also nicht notwendig, von anderen etwas zu erwarten oder andere zu be- oder verurteilen, weil uns etwas an ihnen nicht gefällt, denn sie müssen keinem Bild entsprechen, was wir aus vagen Annahmen und eigenen Bewertungsskalen für sie ausgewählt haben. Wir können ihnen daher einfach erlauben, so zu sein, wie sie sind. Das erspart uns viel Energie, macht uns ausgeglichener und gibt uns innerlich Frieden und Freude.

Was bedeutet das für andere? 

Andere haben ebenfalls eine Vorstellung von “normal”, ein Idealbild von anderen, was gut oder schlecht, richtig oder falsch ist – auch von uns. Das dürfen sie auch haben. Jeder hat die Freiheit zu denken, was er möchte, auch wenn es nichts Gutes ist und er uns damit aus unserer Sicht vielleicht Unrecht tut. Natürlich müssen wir uns von anderen nicht gefallen lassen, wenn sie uns schaden und wir müssen unser Leben beschützen, aber hier geht es erstmal nur um den geistigen Prozess, darum, was wir denken, wenn wir das Gefühl haben, andere denken etwas über uns, was uns nicht gefällt – sie mögen uns nicht und sehen Fehler in uns usw. Es würde viel Frieden für uns und somit auch für unsere Welt bedeuten, wenn wir anderen das eingestehen, ohne dass wir es verändern wollen.

Im ersten Moment entstehen in uns vielleicht Widerstände, wenn wir das so lesen, aber wenn wir tiefer darüber nachdenken, macht es uns innerlich sehr ruhig und friedvoll.

Lass es uns ausprobieren

Nimm Dir ein paar Momente Zeit, um einige dieser Gedanken ruhig und tief zu überdenken. Fühle, was es mit Dir macht und stell Dir vor, wie unsere Welt wäre, wenn wir unseren eigenen Vorstellungen, wie wir und andere zu sein haben, nicht mehr folgen müssen. Spüre die innere Freiheit, Ruhe, Freude und Kraft, wenn wir selbst und andere sein dürfen, wie wir und sie sind, wenn wir nicht mehr be- oder abwerten, sondern akzeptieren und ermutigen, zusprechen und unterstützen, lieben und mitfühlen. Und versuche diese Sicht oder Erkenntnis dann mitzunehmen, zu Deiner Familie, auf die Arbeit, zum Einkaufen… Versuche es zu leben.

Und nicht vergessen: genieße den Prozess des Lernens, Deine wunderbare innere Weiterentwicklung, jeden einzelnen Schritt. 🌱💞

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert