Manchmal tragen wir Situationen in unseren Herzen, die in uns Unbehagen, Ohnmacht oder Wut entstehen lassen – Situationen, die oft schon lange Zeit – Tage, Wochen, vielleicht sogar Jahre oder Jahrzehnte – zurückliegen. Trotzdem können sie immer noch die Kraft haben uns unglücklich, traurig und hasserfüllt werden zu lassen. Meistens sind davon vor allem auch andere Personen betroffen, mit denen wir seitdem kein gutes Verhältnis mehr haben oder nicht mehr miteinander sprechen, obwohl wir uns vorher gut verstanden haben. Manchmal sind die Personen, die uns damals verletzt haben, weit weg oder sogar bereits gestorben und trotzdem können wir immer noch Wut entwickeln, wenn wir an bestimmte Situationen, Verhaltensweisen oder Taten dieser Person denken.
Natürlich wollen wir das eigentlich nicht, aber Verzeihen ist so schwierig, weil diese Person etwas wirklich schlechtes getan hat und uns wirklich verletzt hat. Und so halten wir weiter daran fest und lassen diese Person wie ein Dorn in unseren Herzen leben, der uns immer wieder empfindlich sticht. Es wäre daher so schön, wenn wir diesen Dorn aus unserem Herzen entfernen könnten und mit der Zeit stattdessen etwas Schönes wachsen lassen, wie z.B. Geduld, Zuneigung, Liebe oder Mitgefühl. Da es uns aber nicht so leicht fällt, brauchen wir gute Gründe und müssen tiefer darüber nachdenken, so dass wir es innerlich tatsächlich für eine gute Idee halten und den inneren Dorn des Grolls aufgeben, indem wir lernen anderen zu verzeihen.
Gute Gründe anderen zu verzeihen
Warum sollten wir jemandem verzeihen, der uns wirklich sehr verletzt hat – damals? Dafür gibt es viele gute Gründe, dies sind ein paar, über die wir nachdenken können:
🔹️1. Weil es uns wehtut, weil wir selbst am meisten darunter leiden
🔹️2. Wir geben den Schmerz weiter
🔹️3. Es ist unrealistisch – niemand ist nur schlecht.
🔹️4. Die Person selbst hatte keine andere Wahl
1. Weil es uns wehtut und wir selbst darunter leiden
Das überzeugt uns vielleicht erstmal am meisten. Was genau geschieht, wenn wir an diese schreckliche Sache von damals denken. Fühle es mal. Wo ist der Schmerz genau? Er darf da sein. Wie verändert er sich? Was möchte er Dir sagen? Was für Gedanken tauchen auf? Lass es einfach zu und beobachte, wie es auftaucht, sich vielleicht verstärkt, verändert und wie es wieder abebbt. Vielleicht sitzt Du gerade ruhig in Deiner Wohnung oder bist unterwegs, während Du an diese Situation, an diese Person denkst, die vermeintlich schrecklich war. Um Dich herum gibt es gerade nichts, was Dich verletzen kann. Erst als diese Gedanken an diese Situation in Deinem Bewusstsein entstehen, beginnt dieses Unbehagen – körperliche und geistige Schmerzen. Es ist schon lange nicht mehr die Person von damals, die Dich verletzt. Es sind allein unsere Gedanken, die es uns immer wieder vor Augen führen und so für uns erfahrbar machen! Wir lassen es zu, dass diese Verletzung weiter in uns lebt, indem wir diese Situation durch unsere Gedanken weiter in unseren Herzen nähren und ihnen die Kraft geben, uns zu verletzen. Es ist nicht die Person von damals, die uns verletzt. Wenn wir diese Schmerzen und Verletzungen nicht mehr wollen, brauchen wir einen neuen Blickwinkel oder Umgang mit der Situation. Der Person zu verzeihen, heilt unseren eigenen Schmerz.
2. Wir geben den Schmerz weiter
Oft ist es nicht etwas, das einfach bei uns bleibt, sondern wir erzählen dann anderen davon und so halten wir es aufrecht und verbreiten es weiter in dieser Welt. Diese Menschen reagieren dann darauf, indem sie ebenfalls verärgert über diese Person sind und Abneigung gegen sie entwickeln. Oder wir reden nicht mehr mit der Person, die uns damals etwas angetan hat, und wenn doch, dann sind wir nicht nett und wollen sie unterschwellig verletzen. So verbreiten wir den Schmerz noch und halten ihn lebendig. Im Grunde könnte man sogar sagen, das wir genauso sind, wie die Person, die uns damals den Schmerz zugefügt hat.
3. Es ist unrealistisch – niemand ist nur schlecht
Vielleicht ist dieser Punkt am schwierigsten zu erkennen, aber diese Sichtweise des Grolls ist vollkommen unrealistisch. Wir richten uns immer wieder auf eine negative Handlung von einer Person und übertreiben sie dadurch. Aber wir sehen dann nicht mehr, dass diese Person auch viele gute Eigenschaften hat und viele gute Dinge getan hat. Wenn wir objektiv darüber nachdenken, werden wir uns wahrscheinlich auch an viele Handlungen dieser Person erinnern, die uns oder anderen geholfen haben oder nützlich für uns waren. Sich nur auf eine Situation zu richten, diese zu übertreiben, und die Person darauf zu reduzieren und sie damit zu identifizieren, ist keine realistische Sicht.
4. Die Person selbst hatte keine andere Wahl
Wir können die Situation von damals auch aus der Sicht der anderen Person, die uns verletzt hat, betrachten. Was war ihre Sichtweise und was waren ihre Bedürfnisse? Wenn jemand eine andere Person verletzt – warum tut er oder sie das? Hat sie wirklich eine Wahl, wie sie reagiert? In dem Moment, in dem wir wütend sind, sind wir nicht gerecht, tun wir Dinge, die wir hinterher bereuen, und wir sind nicht imstande, klar zu denken – wir sind unter der Kontrolle von Wut, wir haben in dem Moment keine Kontrolle und keine Wahl.
Wenn wir jemanden hassen, denken wir viel an ihn.
Außerstande, ihn gehen zu lassen,
verhalten wir uns immer mehr wie er.
Lass diesen Menschen nicht langfristig
zu einem Mieter deines Herzens werden.
Schick ihm sofort die Kündigung,
indem du ihm verzeihst.(Haemin Sunim, “Die schönen Dinge siehst du nur, wenn du langsam gehst”)
Was uns noch abhält zu verzeihen
Es kann durchaus noch ein weiterer Widerstand in uns entstehen. Anderen zu verzeihen bedeutet nicht, dass wir die Handlung selbst auch gutheißen müssen. Es bedeutet lediglich, dass wir akzeptieren, dass in der Vergangenheit etwas geschehen ist, es ist einfach ein Fakt, und wir müssen nicht mit Ablehnung oder Wut darauf schauen. Das ist so, als würden wir in einem Geschichtsbuch blättern und sehen ‚ah, das ist damals passiert und das ist passiert, und dann ist das geschehen’. Wir verstehen, dass damals vielleicht ein Krieg oder Unterdrückung usw. stattgefunden hat. Aber wir sind emotional nicht involviert und haben keine übermäßig unangenehmen Gefühle dazu, wir werden nicht wütend usw. Dennoch können wir trotzdem, oder vielleicht weil wir eine emotionale Distanz haben, konstruktiv beurteilen, was richtig und was falsch ist und müssen die Handlung selbst nicht als etwas Gutes sehen.
Lass es uns ausprobieren
Wenn wir so darüber nachdenken, können wir sehen, dass es für uns und für andere nur Nachteile hat, wenn wir negative Gedanken gegenüber einer Person aufrechterhalten und dass es auch nicht mit der Realität übereinstimmt. Deshalb ist es wunderschön für uns selbst und auch für andere, wenn wir lernen können zu verzeihen. Es beginnt damit, dass wir verstehen, dass wir diese Gedanken des Grolls und Zorns aufgeben möchten, weil wir erkannt haben, dass die Gedanken von heute unser Problem sind und schon lange nicht mehr die Person von damals.
Stell Dir die Person, der du verzeihen möchtest, vor Dir vor – ganz lebendig und mit einem liebevollen Blick. Geh in Gedanken die Gründe, warum du ihr verzeihen möchtest, noch einmal durch. Dann schau ihr tief in die Augen und sag zu ihr aus Deinem Herzen: “Ich verzeihe dir, ich verzeihe dir.“ Sag es ihr immer wieder, und meine es auch wirklich so. Stell Dir vor, dass ihr euch umarmt und wie all Dein Groll und Dein Zorn abebbt, nachlässt, verschwindet. Und fühle Dich frei.
Das kannst Du so oft wiederholen, wie du möchtest. Wenn es ein tief sitzendes Thema ist, dann müssen wir es oft wiederholen, damit sich in unserem Bewusstsein etwas bewegt und genieße dabei den wunderbaren Prozess des Lernens und der Entwicklung. ❤️